01

Und Tschüss

(c) Text und Musik – Reinhard Mey Album Einhandsegler

Warmherzig, großzügig und liebevoll, stets die helfende Hand, Gütig, klug und aufgeschlossen und tolerant, Stets ein offenes Ohr für jedermann und -Frau und jederzeit Immer Vorbild, immer selbstlos, in stiller Bescheidenheit! Zu gern wüßt ich , wer dies Prachtexemplar eines Menschen ist, Nur leider hat er sich grad durch friedliches Ableben verpisst, Und dies ist kein Bewerbungsschreiben für den Job des Erzheiligen der Stadt, Ich studier nur grad die Traueranzeigen im Sonntagsblatt.

Refrain

Das Gereimte und Geschleimte, Niederträchtig, Abgefeimte, Schön verpackt in Pietät Für den der zu lesen versteht, Auf den Punkt gebracht, gebündelt, im Telegrammstil kurz und knapp, Das wahre Leben, das wahre Leben spielt sich doch in Todesanzeigen ab!

(c) Text und Musik – Reinhard Mey – Album Einhandsegler

Während ich darüber nachdenk, entdeck ich das Phänomen, Daß von allen Menschen immer nur die guten Menschen gehn. Nur die edlen, nur die klugen, nur die mutigen, wie jeder weiß, Nur die Vorbilder entschlafen viel zu früh und sanft und leis, Nur die Guten treten ab und das heißt unabänderlich: Es bleiben nur die Ekel übrig, Leute so wie du und ich. Nur die Schweine leben ewig, aber das erklärt konkret, Warum hierzulande alles langsam den Bach runter geht!

Refrain

Das Gereimte und Geschleimte, Niederträchtig, Abgefeimte, Schön verpackt in Pietät Für den der zu lesen versteht, Auf den Punkt gebracht, gebündelt, im Telegrammstil kurz und knapp, Das wahre Leben, das wahre Leben spielt sich doch in Todesanzeigen ab!

(c) Text und Musik – Reinhard Mey – Album Einhandsegler

Oder hat man je gelesen:’Der war längst fällig!’ oder gar, Daß der teure Heimgegangene ein schlimmer Stinkefinger war? ‘Widerwärtig bis zum Ende, Zwietracht war sein Lebenswerk, Ein Geschwür, ein Spielverderber, ein giftiger, böser Zwerg. Ewig hat der Sack genörgelt, hat uns jeden Spaß verpatzt, Endlich und viel zu spät ist die alte Ratte abgekratzt. Endlich hat der Sensemann der Zecke den Rüssel gekappt, Hat ihm die Lampe ausgeschossen und die Hufe hochgeklappt!’

Refrain

Das Gereimte und Geschleimte, Niederträchtig, Abgefeimte, Schön verpackt in Pietät Für den der zu lesen versteht, Auf den Punkt gebracht, gebündelt, im Telegrammstil kurz und knapp, Das wahre Leben, das wahre Leben spielt sich doch in Todesanzeigen ab!

(c) Text und Musik – Reinhard Mey – Album Einhandsegler

So leg ich vorsorglich fest, was eines Tags in meiner steht, Daß mein letztes Inserat nicht auch noch in die Hose geht, Ich will kein ‘teurer Verblich’ner und kein ‘Heimgeruf’ner’ sein, Ich will nicht noch’nen Verriss, ich will keine Lubhudelei’n, Nicht, daß Mike Krüger Candle-in-the-Wind-mäßig zum Schluß ‘Mein Gott Walter’ für den traurigen Anlass umdichten muß! Ich mach’s kurz und ich mach’s schmerzlos, ich mach’s preiswert und ich grüß’ Alle, die’s am Sonntag lesen mit zwei Worten:

Und Tschüss !

(c) Text und Musik – Reinhard Mey – Album Einhandsegler

02

Sterbehilfe

(c) Hazel Brugger – Ich bin so hübsch
Eine Freundin der Familie hatte also beschlossen, einem politisch und konfessionell neutralen Schweizer Verein, der sich für Sterbehilfe einsetzt, beizutreten. Sagen wir einmal, ihre Zeit war reif. Man hätte es durchaus noch in eine Verlängerung ziehen können, das Ganze, aber sie wollte es beenden, während sie noch eine gewisse Grundfröhlichkeit vorweisen konnte. Ja, man kann sie als äußerst optimistischen Menschen beschreiben, und so schien es auch nur halb abwegig, dass sie sich in ein Luxushotel einmietete, um noch einmal allen Tschüss zu sagen. Und dann sanft zu entschlafen. Es war ein zweiter Donnerstag im Monat, und ich ging, wie für zweite Donnerstage im Monat äußerst charakteristisch, mit Mutter Lebensmittel einkaufen, in Deutschland. Um für weniger Geld mehr Kartoffeln zu bekommen.
Als wir also im Supermarkt standen, irgendwo zwischen den Spitzhacken und Kräuterquark-Panzerwels-Schnitzeln, und Mutter auf ihre Einkaufsliste blickte, sagte sie ganz bestimmt zu mir: »Wir brauchen noch ein Abschiedsgeschenk, für wenn wir sie im Hotel besuchen. Etwas Fröhliches, woran sie Freude hat.«
Aha. Aha, dachte ich. Ein lebensbejahendes Abschiedsgeschenk also, woran auch ihre optimistische Seite Freude hat, was ihr aber dennoch unser Einverständnis mit der Gesamtsituation klarmachen sollte. Nichts leichter als das.
Ich begann, mit dem Blick eines Glück bringenden Sensemann-Nikolauses durch den Laden zu streifen, und hatte Schwierigkeiten, mich zu entscheiden. Zu meiner Erleichterung war das Sortiment, wie in jedem gut geführten deutschen Lebensmittelladen, erstens wild durchmischt und zweitens saisonal angepasst. Ein Herbstkranz, dachte ich, na, das sprüht ja nur so vor Lebensfreude. Tote Früchte und Blätter in Kreisform aufgespießt und in besonders glücklichen Fällen sogar noch mit dekorativem goldfarbenen Feenhaarimitatdraht umwickelt. Das mag ich, wenn der Kranz dann in der Mitte des Esstischs seinen orangig waldigen Duft versprüht und sogar ein lauwarmes Glas Multivitaminsaft beginnt, herbstlich zu schmecken. An Kränzen auf Ess- oder Couchtischen kann man übrigens ganz einfach eine Arbeitssituationsanalyse der für den Haushalt zuständigen Frau durchführen: Ist ein Kranz auf dem Tisch vorhanden, so arbeitet die Frau weniger als vierzig Prozent, hängt einer an der Tür, so sind es immerhin noch weniger als sechzig Prozent. Ist gar kein Kranz vorhanden, handelt es sich höchstwahrscheinlich um Ketzer. Ist eine wissenschaftliche Tatsache. Ein Kranz fiel also weg, sonst denkt sie noch, ich hätte zu viel Zeit, und außerdem könnte sie sich beim Riechen an der kandierten Sternfrucht ein Auge perforieren, und wenn man nicht muss, dann will man nicht unbedingt blind sterben.
Einen Meter weiter war ich offensichtlich noch tiefer in die Dekorationsecke getappt: eine Keramikzitrone mit oberflächenveredelnder Glanzglasur. Sehr praktisch und unglaublich ästhetisch. Muss wohl etwas Deutsches sein. Die Zitrone, die sich bei genauerer Untersuchung als Seifenspender entpuppte, hielt ich für äußerst treffend, da sie etwas Lebensbejahendes ausstrahlte. Überhaupt finde ich alles, was zitronengelb ist, äußerst lebensbejahend: Kanarienvögel, zu grell geratene Briefkästen und Frontscheinwerfer von Kraftfahrzeugen. Doch so kurz vor dem Sterben möchte sich wohl niemand mehr die Hände waschen, man will ja noch seinen Spaß haben, und daher legte ich den Seifenspender zurück zu seinen Freunden, der Nagelbürstenartischocke und dem Ananassalzstreuer. Diese Abteilung schien nichts mehr herzugeben, also wechselte ich prompt zur anderen Seite der Lagerhalle – nennt man in Deutschland »Filiale« – und war entzückt. Ein Zwanzigkilosack Bocklemünder Blumenerde, die mit der extra Portion Humus! Was gibt es schon Lebensbejahenderes als Blumenerde? Fragte ich mich und wiegte den Sack liebevoll in meinen Armen. Stolz schleppte ich meinen Fund zu Mutter und sagte ihr, dass das Suchen ein Ende habe. Sie schaute mich entsetzt an und fragte, was denn eine fast schon tote Frau mit Blumenerde anstellen solle. Ich erklärte ihr die Sachlage, das mit dem lebensbejahenden Aspekt, und als sie immer noch nicht überzeugt war, versuchte ich ihr klarzumachen, dass die Freundin der Familie ja schon einmal üben könne, wie es sich denn so anfühlt, wenn man eingebuddelt ist.
Was gibt es schon Lebensbejahenderes als Blumenerde? Fragte ich mich und wiegte den Sack liebevoll in meinen Armen. Stolz schleppte ich meinen Fund zu Mutter und sagte ihr, dass das Suchen ein Ende habe. Sie schaute mich entsetzt an und fragte, was denn eine fast schon tote Frau mit Blumenerde anstellen solle. Ich erklärte ihr die Sachlage, das mit dem lebensbejahenden Aspekt, und als sie immer noch nicht überzeugt war, versuchte ich ihr klarzumachen, dass die Freundin der Familie ja schon einmal üben könne, wie es sich denn so anfühlt, wenn man eingebuddelt ist. Hja, das fand Mutter nicht lustig. Wie sich herausstellte, hatte sie sich schon lange selbst für ein Geschenk entschieden, war wohl für mich nur wieder einmal eine Beschäftigungstherapie.
Schokolade. Macht Sinn, ist ja billiger in Deutschland. Schmeckt zwar scheiße, aber dann hat sie wenigstens nach dem Essen richtig Bock auf den Freitod. Was sie gefunden hat, war aber keine konventionelle Schokolade, nein, es war die vorweihnachtliche Sonderanfertigung, gefertigt in Südnordost-Krakau. Kleine Zwergenpralinen in einer dekorativen Blechbüchse, wohl die Schützengraben-Edition oder so. Richtig praktisch, in der Büchse halten die Pralinen sicherlich noch ewig, sodass sie noch naschen kann, wenn sie schon lange tot ist. Sie freute sich dann über die Schokolade, und das ist ja die Hauptsache, ob tot oder nicht. Die Blumenerde kaufte ich mir übrigens trotzdem. Buddle mich jetzt immer selbst ein und bemitleide mich. Nicht gerade lebensbejahend, aber trotzdem sehr, sehr geil.